Erleichterung oder Insellösung? Baden-Württembergs neue Bildungscloud

Erleichterung oder Insellösung? Baden-Württembergs neue Bildungscloud
10
Jan

Egal, ob es darum geht, standortunabhängig Dokumente gemeinsam zu bearbeiten, Aufgaben zu terminieren oder E-Mails und Kalender zu synchronisieren – moderne Cloud-Systeme á la Google Drive oder Microsoft One Drive sind längst im (Berufs-)Alltag angekommen. Nur an Schulen, deren Ausgangsvoraussetzungen nahezu perfekt für Cloud-Lösungen sind, scheinen sie noch ein Stück weit Utopie zu sein.

Dabei gibt es schon seit längerem Pläne für eine bundesweite Bildungscloud. Bereits im Jahr 2016 hat eine aus Vertretern von Bund, Wirtschaft und Wissenschaft bestehende Arbeitsgruppe ein diesbezügliches Visionenpapier vorgelegt. Für die Umsetzung des Vorhabens wurde das Hasso-Plattner-Institut ausgewählt. Wann man mit der Fertigstellung und Implementierung rechnen darf, ist indes nicht bekannt. Vor dem Hintergrund der unklaren Zukunft des BildungsPakt#D kommen bei vielen Betroffenen Skepsis und Ungeduld auf. Nicht zuletzt auch in den Kultusministerien der Länder.

Um nicht länger auf den Bund warten zu müssen, haben einige Bundesländer damit begonnen, eigene Bildungsclouds für ihre Schulen zu entwickeln. Unter anderem auch das Land Baden-Württemberg, dessen digitale Bildungsplattform ella@bw noch in diesem Monat online gehen soll.

Eine Bildungscloud für Frau Müller und Herrn Schmidt

Der etwas ungewöhnlich erscheinende Name ist eigentlich ein Akronym: Ella steht für „elektronische Lehr- und Lernassistenz“. Die Bildungscloud fürs Ländle soll allerdings nicht nur Lehrern und Schülern eine Hilfe sein. Vielmehr handelt es sich dabei auch um ein digital- wie bildungspolitisches Leuchtturmprojekt der schwarzgrünen Landesregierung. Auf den Bund wolle man nicht mehr warten, so die zuständige Kultusministerin Susanne Eisenmann in der Südwest Presse:

„Wir Länder sind gerne bereit, mit dem Bund über gemeinsame Standards in diesem Zusammenhang zu sprechen, aber wir lassen uns sicher nicht ausbremsen.“

(Susanne Eisenmann, Kultusministern von Baden-Württemberg, gegenüber der Südwest Presse)

Ende letzten Jahres wurde ein animiertes Erklärvideo veröffentlicht, in dem dargelegt wird, welche Möglichkeiten ella@bw den beiden exemplarischen Lehrern „Frau Müller“ und „Herr Schmidt“ eröffnet.

 

Anfangs nur Basisfunktionen verfügbar

Zum Start soll die Bildungscloud über eine Reihe an Basisfunktionen verfügen. Hierzu gehören eine E-Mail- und Kalenderfunktion, ein sicherer Cloudspeicher, ein Online-Office-Paket, ein LMS und eine Videokonferenzfunktion. Ella@bw ist zudem browserbasiert, sodass sie unabhängig von Standort, Endgerät und Betriebssystem verwendet werden kann.

Die Plattform greift auch auf bereits bestehende und vielfach erprobte Lösungen zurück. So ist das Lernmanagementsystem Moodle Bestandteil von ella@bw. Um den Bedürfnissen der Nutzer gerecht zu werden, wurde es zusätzlich vom Landesinstitut für Schulentwicklung mit einer Erweiterung versehen. Auch für den Zugang zu Bildungsmedien wurde auf bestehendes zurückgegriffen: hierfür ließ das Kultusministerium die Mediathek des Landesmedienzentrums SESAM 2.0 weiterentwickeln.

Modularer Aufbau für hohe Flexibilität

Die Plattform ist modular aufgebaut, um die zukünftige Einbindung weiterer Dienste zu ermöglichen. Um welche es sich dabei handeln könnte, wurde bislang jedoch noch nicht bekannt gegeben. Aktuell stehen, je nach User-Profil (Lehrender oder Lernender), unterschiedliche Funktionen bereit. Schüler können untereinander und mit ihren Lehrern kommunizieren und gemeinsam Dokumente bearbeiten. Lehrkräfte haben wiederum die Möglichkeit, mit Kollegen an der eigenen wie auch an anderen Schulen des Landes zusammenarbeiten und sich austauschen. Damit sollen die Erarbeitung gemeinsamer Lehrmaterialien und der Austausch untereinander gefördert werden.

Größere Sicherheit

Ein Kernaspekt der Bildungsplattform ist ihr Fokus auf Datensicherheit. Bisher haben Lehrende oftmals zu Ausweichlösungen wie etwa Google Drive gegriffen, die zwar einen hohen praktischen Nutzen aufweisen, ihre Daten aber auf den amerikanischen Server-Farmen internationaler Großkonzerne speichern. Dies soll mit ella@bw vorbei sein. Die Server befinden sich in Baden-Württemberg, der technische Betrieb wird von der Landesoberbehörde IT Baden-Württemberg (BITBW) sowie dem kommunale IT-Dienstleister KIVBF übernommen. Zudem werden alle relevanten deutschen wie europäischen Sicherheitsstandards erfüllt. Darüber hinaus bekommen alle Lehrer erstmals einheitliche E-Mail-Adressen, die sie für die Kommunikation mit Schülern und Eltern verwenden können.

Gefahr der Insellösung

Auch wenn die baden-württembergische Bildungscloud ein wichtiger Schritt in Richtung digitale Bildung ist, gibt es durchaus Kritik. Zwar hat jede Schule des Flächenlands Zugriff auf ella@bw, aufgrund der fehlenden Breitbandanschlüsse und teils dürftigen technischen Infrastruktur, fehlt es allerdings vielen Bildungseinrichtungen an der notwendigen leistungsstarken Internetverbindung.

Zusätzlich droht die Gefahr einer Insellösung: Wenn jedes Bundesland über eine eigene Bildungscloud fungiert, wird eine bundesweite Vernetzung schwer umsetzbar sein. Geschweige denn eine einheitliche, länderübergreifende Lösung. So könnte der Wunsch nach einer weniger föderal geprägten Bildung in weitere Ferne rücken.

Links

Informationsseite des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg zur Bildungscloud ella@bw: http://www.km-bw.de/,Lde/Startseite/Schule/Digitale+Bildungsplattform