Individuell und adaptiv: Wie Digitale Bildung heterogenitätsorientierte Lehre ermöglicht

Individuell und adaptiv: Wie Digitale Bildung heterogenitätsorientierte Lehre ermöglicht
8
Dez

Das Thema Heterogenität steht seit längerer Zeit im Mittelpunkt schulpädagogischer Diskurse. Wie schafft man es, Lernende mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Hintergründen und Möglichkeiten individuell zu fördern und gleichzeitig den vorgegebenen Lehrplan umzusetzen? Dies ist eine der Kernfragen, auf die eine heterogenitätsorientierte Lehre Antworten finden muss. Dabei kann der Einsatz digitaler Medien und digitaler Bildungskonzepte neue Möglichkeiten eröffnen.

Heterogenität als Begriff

Zunächst einmal ist es sinnvoll, den Begriff als solchen zu betrachten: Heterogenität bedeutet (lt. Duden Online) „Verschiedenartigkeit, Ungleichartigkeit im Aufbau, in der Zusammensetzung“. Auf den schulischen Kontext übertragen, kann Heterogenität als die Unterschiedlichkeit der Schüler untereinander sowie die Ungleichartigkeit in der Zusammensetzung der Klasse oder Gruppe verstanden werden. Der Begriff wird häufig in Verbindung mit den komplementären Termini „Inklusion“, „Diversity“ und „Chancengleichheit“ verwendet.

Heterogenitätsmerkmale können – je nach Lernenden – variieren.  Hierzu gehören unter anderem Gender, soziokulturelle Zugehörigkeit(en), sozioökonomischer Status, Religion, Sexualität, Alter, Hautfarbe, Staatsangehörigkeit, Herkunft oder Ability/Disability sein.

Chancen einer heterogenitätsorientierten Lehre

Aufgrund des militärischen Konflikts in Syrien und der dadurch ausgelösten Fluchtbewegungen ist das Thema Heterogenität stärker in den gesellschaftlichen und medialen Fokus gerückt. Die Debatte um heterogenitätsorientierte Lehre und die daraus entstehenden Herausforderungen wird aber schon seit längerer Zeit geführt. Denn sie ist sowohl Herausforderung als auch Notwendigkeit, um eine chancengleiche Bildung zu ermöglichen.

Nach wie vor spielt in Deutschland beispielsweise die Herkunft eine entscheidende Rolle was den schulischen Erfolg der Kinder und Jugendlichen angeht. Dabei ist Heterogenität im schulischen Kontext auch als Chance zu sehen, als Möglichkeit von- und miteinander zu lernen.

Stärkere Binnendifferenzierung durch digitale Bildung

Um den individuellen Merkmalen und Bedürfnissen der Lernenden gerecht werden zu können, ist ein hohes Maß an Binnendifferenzierung elementar. Nur so kann ein adaptiver Unterricht gewährleistet werden. Im Schulalltag ist dies jedoch kaum umzusetzen. Zu wenig Zeit und eine große Anzahl an Lernenden erlauben es den wenigsten Lehrenden, den Lernstoff individuell zu dosieren.

Binnendifferenzierung: »Binnendifferenzierung« als ein Sammelbegriff für alle didaktischen, methodischen und organisatorischen Maßnahmen, die im Unterricht innerhalb einer Schulklasse (allgemeiner: einer Lerngemeinschaft) getroffen werden können, um der Unterschiedlichkeit der Schüler – vor allem im Blick auf ihre optimale individuelle Förderung – gerecht zu werden. (Heymann, 2010)

Digitale Bildungsmaßnahmen und -Software können hier Abhilfe schaffen. So kommen Richard Heinen und Michael Kerres vom Learning Lab der Universität Duisburg-Essen im Rahmen ihrer Studie „Individuelle Förderung mit digitalen Medien“ zu dem Schluss, dass „Individuelle Förderung [nur] funktioniert […], wenn Lernprozesse bei dem Einzelnen angeregt und intensiviert werden. Digitale Medien bieten vielfältige Möglichkeiten, um solche Lernprozesse zu unterstützen.“ (Heinen, Kerres, 2015)

Vielfältige digitale Modelle und Strategien

Inzwischen lässt sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Modelle auswählen, die Lehrende bei der Ausgestaltung ihrer heterogenitäsorientierten Lehre unterstützen können. Als Beispiel lassen sich etwa multifunktionale Lernmanagementsysteme (LMS) nennen, die es den Lernenden erlauben, in ihrem eigenen Tempo zu lernen und den Lehrenden die Möglichkeit geben, individuelle Aufgaben zuzuweisen und den Lernstand ihrer Schüler zu überwachen.

Auch das Flipped Classroom Modell kann zur Unterstützung herangezogen werden. Hierbei lernen die Schüler gewissermaßen zuhause. Statt klassischen Hausaufgaben wird ihnen mit Hilfe von Lernvideos neuer Unterrichtsstoff vermittelt. Im Unterricht selbst werden dann Aufgaben gemacht und das Nichtverstandene diskutiert. Ein umgedrehtes Prinzip also: Aufgaben in der Schule, Lernen zuhause. Natürlich ist diese Methode nicht immer und nicht auf jeden Stoff und Schwierigkeitsgrad anwendbar. Für leichtere Zusammenhänge ist es dennoch eine praktikable Lösung, da die lernstärkeren Schüler eigenständig ihre Aufgaben lösen können während der Lehrende mehr Zeit hat, sich den lernschwächeren Schülern zu widmen.

Der Lehrende bleibt zentral

Die Auswahl der verwendeten Modelle und deren Einsatz ist von den jeweiligen örtlichen wie finanziellen Gegebenheiten der Schulen, Kreise und Bundesländer sowie der Bildungskonzepte der Kultusministerien abhängig. Darüber hinaus ist die Kompetenz der Lehrenden zentral, um digitale Medien adäquat für die heterogenitätsorientierte Lehre nutzen zu können, wie die Bertelsmann Stiftung herausgefunden hat:

Voraussetzung dafür ist eine Basiskompetenz in individueller Förderung. Nur wenn Lehrkräfte überhaupt über Erfahrung im Unterrichten heterogener Lerngruppen und mit einem variablen Einsatz ihrer Rolle als Lehrkraft verfügen (und z. B. auch bislang schon schülerzentrierten Lernprozessen Platz eingeräumt haben), sind sie in der Lage, digitale Medien zugunsten einer verbesserten individuellen Förderung einzusetzen.

(Bertelsmann, 2015)

An diesbezüglichen Weiter- und Fortbildungsstrategien wird derzeit an verschiedenen Universitäten (bspw. im Rahmen des Projekts „Förderung der Lehrerprofessionalität im Umgang mit Heterogenität (LeHet)“ der Universität Augsburg) gearbeitet. Und auch in Gestalt neuer Bildungspläne versuchen einige Bundesländer die heterogenitätsorientierte Lehre stärker zu fokussieren.

Fazit: Eine Chance für mehr Chancengleichheit

Die Möglichkeiten der digitalen Bildung erlauben es Lehrenden, die Heterogenität ihrer Schüler stärker zu berücksichtigen und diese individueller zu fördern. Die damit einhergehende stärkere Binnendifferenzierung kann zu größerer Chancengleichheit führen und in einer stärkeren Motivation seitens der Lernenden resultieren. Um dies langfristig zu gewährleisten, müssen neue Konzepte entwickelt und in die Lehrerfort- und -ausbildung integriert werden. Nur so kann der steigenden gesellschaftlichen Heterogenität Rechnung getragen werden.

Quellen:

Bertelsmann Stiftung (Hsg.) (2015). Individuell fördern mit digitalen Medien. Chancen, Risiken, Erfolgsfaktoren. Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung.

Heinen, R. & Kerres, M. (2015). Individuelle Förderung mit digitalen Mitteln. Handlungsfelder für die systematische, lernförderliche Integration digitaler Medien in Schule und Unterricht. Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung.

Heymann, H. W. (2010). Binnendifferenzierung konkret: Pädagogischer Anspruch, didaktisches Handwerk, Realisierungschancen. Pädagogik, 11.